Archiv für den Monat: Oktober 2016

Rede von Erdogan Kaya bei der PVV

erdoganGuten morgen, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Ich heiße Erdogan, bin Busfahrer aus dem Süden.

Ich fang mal mit einem Gedicht an…

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?Und das mehrmals zerstörte Babylon, wer baute es so viele Male auf?
In welchen Häusern des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war, die Maurer?
Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen triumphierten die Cäsaren?
Hatte das vielbesungene Byzanz nur Paläste für seine Bewohner?
Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang, die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?
Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.
Wer siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte.
So viele Fragen.

Liebe Kolleginnen, Liebe Kollegen,

Der Vorstand – Frau Nikuta – hat eine positive Bilanz dargelegt. Die Frage lautet: Wer hat den hohen Preis für diese positive Zahlen bezahlt?

Das seid ihr!

Das sind KollegInnen, die draußen fahren!

Das sind die kranken KollegInnen, die auf ihre Genesung warten!

Das sind KollegInnen, die noch für ihre Entfristung zittern!

Wir müssen die Fehlentscheidungen des Vorstandes ausbaden.

Ich möchte zwei Beispiele geben.

Die Fahrzeugverfügbarkeit sinkt! Nicht nur, weil in den Werkstätten Personal fehlt, sondern auch, weil in die Fahrzeugbeschaffung falsch investiert wird. Das beste Beispiel ist der VDL Bus.

Wir sind mit diesem Bus zwei Jahre zur Probe gefahren. Die Kolleg*innen haben viele Sachen an diesem Bus bemängelt. Trotzdem wurden sie bestellt. Sie stinken! Sie sind nicht Großstadt tauglich! Sie verbrauchen viel mehr als sonst. usw. usw.

Die Bestellung wurde gestoppt. Jetzt fehlen uns Fahrzeuge. Wir müssen mit alldem klar kommen, was wir haben!

Was bedeutet das?

Das bedeutet: Kein Fahrzeugwechsel! Alte Fahrzeuge, die nicht mehr taugen, bleiben im Einsatz! Mit den Klapperfahrzeugen müssen wir über die schönen Straßen hin und her fahren. Eine Stunde hin, 4 Minuten Wendezeit, eine Stunde zurück, 6 Minuten Wendezeit… Wissen Sie was das bedeutet? Das ist eine Unverschämtheit, nicht für die Kolleg*innen, sondern auch für unsere Fahrgäste!

Zweites Beispiel:

Personalmangel!!!

Das ist ein Dauerproblem. Dies hat auch der Vorstand erkannt. Die Einstellung wurde zum tatsächlichen Krankenstand angepasst. Dennoch reicht nicht aus die Differenz zwischen Ein- und Abgängen zu schließen. Fluktuation… so nennt man das.

Viele Einsteiger*innen wollen nicht bleiben, weil der Job nicht attraktiv genug ist. Es gibt zwei Möglichkeiten, den Job attraktiver zu machen. Entweder mehr Lohn oder bessere Arbeitsbedingungen. Beide in unserem Betrieb mangelhaft!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Die Kolleg*innen fahren in den Werkstätten und im Fahrdienst auf Verschleiß.

Im Frei klingelt das Telefon. Es hört nie auf. Wir haben KollegInnen, die 7/1 fahren. 7 Tage Arbeit und ein Tag frei. Überstunden über Überstunden…

Das macht die Kolleg*innen krank. Wie hoch ist der Krankenstand im gesamten Fahrdienst? Wie hoch ist der Krankenstand in den Werkstätten? 10 Prozent? 15 Prozent? 20 Prozent? Oder mehr?

Das kann auf Dauer nicht gut gehen!

Ich möchte nicht in die Länge ziehen. Sie wissen auch wo der Schuh drückt!

Reden Sie nicht, sondern handeln Sie!

Wir wissen, dass bestimmte Dinge eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. Wir können nicht schnell 100 bis 200 Busse bestellen.

Der Personalmangel kann nicht schnell abgedeckt werden!

Dennoch, Sie können eine einzige Tat ohne abzuwarten, vollbringen! Mit dieser Tat, kurz vor Weihnachten, könnten Sie mansche KollegInnen, die zitternd auf ihre Entfristung warten, vorzeitig entfristen.

Das kostet Sie nicht! Das wäre eine gute Tat!

Oder was meint ihr Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen?

Danke für ihre Aufmerksamkeit!

Interview mit Vertretern der Offenen Liste

mit Erdoğan Kaya, Busfahrer, und Torsten Merl, Busfahrer

Könnt ihr einen kurzen Abriss geben, wie die letzte Legislaturperiode war?

erdoganErdogan: Wir sind vor vier Jahren mit zwei Listen­vertretern in den Personalrat der Dienststelle Süd und mit zwei Listenvertretern in den Gesamtpersonalrat gewählt worden. Die Prozesse der Veränderungen im Betrieb laufen zu langsam. Kleine Schritte vorwärts erfordern große Anstrengungen! Wir haben versucht, die Prozesse mitzu­gestalten und zu beschleunigen. In vielen Fragen wie Befristung, mehr Personal im Fahrdienst, bessere soziale Einrichtungen, bessere Arbeitsbedingungen für den Fahrdienst sind kleine positive Schritte gemacht worden.

torstenTorsten: Nach unserer „Rote Karte“-Aktion zur Personal­versammlung im Herbst 2013 sowie dem ständigen Drängen der Gremien ist die Befristungspraxis ab dem 01.01.2016 im Fahrdienst für zwei Jahre ausgesetzt worden. In allen anderen Bereichen wird dieses Instrument weiter eingesetzt. Die Kolleg*innen, die vor diesem Stichtag eingestellt wurden, erfahren die bisherige Praxis von zwei Jahren Befristung in vollem Umfang.

Bei der Einstellung neuer Kolleg*innen wurde der tatsächliche Krankenstand berücksichtigt. Dennoch sind die Einstellungsprozesse extrem lang. Somit ist es schwer, die offenen Stellen zu besetzen.

Die sozialen Einrichtungen wurden teilweise modernisiert. Hier haben wir uns mehr versprochen.

Die besseren Rahmenbedingungen im Fahrdienst müssen dauerhaft umgesetzt werden und nicht nur projektbezogen!

Warum sind diese Prozesse so langsam?

Torsten: Das hängt viel von der Zusammensetzung der Gremien ab. Das Wort Konfliktorientierung ist vielen Gremiums­mitgliedern nicht geläufig. So sind auch einige nicht willens, bei bestimmten Forderungen mehr Druck auf den Vorstand der BVG auszuüben. Ergebnis ist, dass der Arbeitgeber oft auf Zeit spielen kann. Es vergehen mehrere Monate, bis wir zu einer Einigung kommen.

Welche Alternative könnt ihr denn anbieten?

Erdogan: Wir müssen endlich begreifen, dass wir die Einbindung der Kolleg*innen in die Prozesse gewährleisten müssen. Wir müssen auf die Kolleg*innen zugehen. Nur so können wir es schaffen, die aktive Basis zu vergrößern. Wir müssen das Stellvertreterdenken zurückdrängen, um das Vertrauen wieder herzustellen. Das WIR-Denken muss in vollem Umfang in die Belegschaft hineingetragen werden. Zum Beispiel in Form von gemeinsamen Veranstaltungen, Diskussionen und Aktionen. So ist es möglich, die Kolleg*innen für die eigene Sache zu gewinnen und zu begeistern.

Torsten: Deshalb brauchen wir aktive Kolleg*innen in den Gremien, die sich frei äußern können. Die Lust, Interesse und Ideen haben, sowie Überzeugungskraft besitzen. Nur gemeinsam können wir mehr Druck erzeugen. Deshalb heißt unsere Losung für die Wahl: „Veränderung nur mit DIR!“